Text zur aktuellen Situation von Meister Heinz-Jürgen Metzger 30.03.2022

Liebe Freundinnen und Freunde,

ausgehend von der Einschätzung, dass Vladimir Putin für den Krieg gegen die Ukraine verantwortlich ist und dass der Krieg zu ende sei, wenn Putin nicht mehr lebt, wurde mir die Frage gestellt: „Was sagt die buddhistische Theorie zum Tyrannenmord?“ – Ich möchte zu dieser Frage nicht nur der Fragestellerin persönlich antworten, vielleicht interessiert die Frage und meine Antwort auch Euch.

Den Buddhismus gibt es nicht, es gibt viele Buddhismen. In zweieinhalb Jahrtausenden hat sich die Lehre Buddhas in unterschiedlichen Ländern und unterschiedlichen sozio-ökonomischen Bedingungen unterschiedlich entfaltet.

Buddha selbst untersagte jede Form des Tötens, nicht nur das Töten von Menschen. Dieses Verbot wird sehr deutlich im Mahayana-Brahma-Netz-Sutra ausformuliert, das Jahrhunderte nach Buddhas Tod verfasst wurde:

Ihr Schüler und Schülerinnen des Buddha, solltet ihr selbst töten, vorsätzlich jemand anderen zum Töten veranlassen, jemanden zum Töten ermutigen, das Töten preisen, mit Freude dem Töten zusehen, absichtlich jemandem den Tod wünschen, absichtlich einen Tod verursachen, Gegenstände oder Hilfsmittel zum Töten zur Verfügung stellen, ein Leben auslöschen, auch wenn dies vom Gesetz her sanktioniert ist, wenn ihr also auf irgendeine Weise am Töten teilnehmt, so begeht ihr eine schwerwiegende Verfehlung, die den Ausschluss verdient.
Bitte tötet niemals absichtlich irgendein lebendes Wesen.

Folgt man der Unterweisung dieses Textes, ist der Tyrannenmord nicht erlaubt.

Im Gegensatz dazu hält der Dalai Lama jedoch den Tyrannenmord unter bestimmten Voraussetzungen für zulässig. In der Mind – Life – Conference 1991 gab es ein Gespräch, das ich hier in Auszügen wiedergebe:

DALAI LAMA:

Es ist einfach so, dass es keine Berechtigung für den gegen einen Menschen gerichteten Ärger gibt. Es gibt keinen echten Grund, auf einen Menschen wütend zu sein.

LEE YEARLEY: Kann die Wut auf eine Eigenschaft, deren Auflösung man für nötig erachtet, dazu führen, sie zu vernichten, auch wenn das heißt, die betreffende Person ebenfalls zu vernichten? Wenn ich zum Beispiel einen KZ-Wächter im nationalsozialistischen Deutschland nehme, der aus blindem Hass dazu getrieben wurde, einen anderen Menschen zu töten. Ich denke mir, dass er dabei Vermutlich ein guter Familienvater war und ein Recht auf sein eigenes Leben in Anspruch nahm. Trotzdem ist mir klar, dass es nur einen einzigen Weg zur Vernichtung dieses Hasses gibt: die Vernichtung dieser Person.

DALAI LAMA: Unter folgenden Umständen ist das gerechtfertigt: Sie erkennen diesen Drang zum Bösen, dieses Laster; Sie wissen, es muss beseitigt werden wegen des Schadens, den es in der Welt anrichten wird; und – das ist fast der wichtigste Punkt – aus reinem Mitleiden, das den großen Schaden abzuwenden wünscht, erkennen Sie, dass Sie dieses Übel beseitigen müssen. Wenn Sie sehen, dass kein anderer Weg dahin führt als ein Akt der Gewalt, dann dürfen Sie dem Menschen, der dieses Übel an sich trägt, sein Leben nehmen, aber ohne jemals ihr Mitleiden für ihn zu verlieren, und nur mit der Bereitschaft, den Akt auch selbst auszuführen.

ROBERT LIVINGSTON: Nehmen wir ein anderes Beispiel, den Abwurf der Atombomben auf Japan. Den Bomberpiloten hatte man gesagt, durch ihre Tat würden Millionen von Menschenleben gerettet.

DAN GOLEMAN: War die Bombardierung also die Tat eines Bodhisattva?

DALAI LAMA: Das ist schwer zu sagen. Rein theoretisch könnte man sagen, ja, möglicherweise, wenn es wirklich geschah, um sehr viele
Menschenleben zu retten.

ROBERT THURMAN: Eure Heiligkeit, wäre es nicht sehr ungewöhnlich, wenn ein Bodhisattva so etwas täte? Er versucht doch vielmehr, buchstäblich niemals irgendeine Gewalt anzuwenden. Als Mensch muß man ja geradezu Hellseher sein, um immer alle Folgen einer Tat abzuschätzen. Aus diesem Grund könnte vielleicht nur ein sehr fortgeschrittener Bodhisattva eine solche Bombe abwerfen, und das müsste die meisten Menschen vor einer so außergewöhnlichen Tat zurückschrecken lassen. Ich glaube nicht, dass Truman ein Bodhisattva war.

DALAI LAMA: … Um Ihr Beispiel doch noch einmal aufzugreifen, Robert, den Abwurf der Bomben auf Hiroshima und Nagasaki: Wir können diese Tat ethisch nicht allein durch eine Betrachtung des historischen Augenblicks beurteilen. Wir müssen die langfristigen Folgen der Tat in Erwägung ziehen, konkret gesagt: die ungeheure Verbreitung von Atomwaffen. Dann können wir unzweideutig feststellen: Es war eine ethisch unerlaubte Tat. Im spezifischen Augenblick selbst mag sogar irgendein positives Motiv der Tat vorgelegen haben, aber seitdem hat sie ganz entschieden sehr viele negative Folgen gezeitigt. Durch sie ist heute eine größere Angst in der Welt.

Quelle: Goleman, Daniel: Die heilende Kraft der Gefühle: Gespräche mit dem Dalai Lama über Achtsamkeit, Emotion und Gesundheit; München, 1998, dtv, S. 215-222

Um von der ‚buddhistischen Theorie‘, nach der ich gefragt wurde, wieder zu unserer Lebenspraxis zu kommen:

Szene in einer Bäckerei:

Kundin: „Ich hätte gern ein Stück russischer Zupfkuchen.“

Verkäuferin: „Den führen wir nicht.“

Kundin: „Aber der liegt doch da.“

Verkäuferin: „Das ist kein russischer Zupfkuchen.“

Kundin: „Was ist das denn?“

Verkäuferin: „Zupfkuchen.“

Kundin: „Dürfen Sie nicht mehr ‚russisch‘ sagen?

Verkäuferin: „Nein, das hat der Chef uns verboten.“

Buddha lehrte, dass Hass nicht durch Hass beendet werden kann. Wie verhindern wir, dass der Krieg Hass in unseren Köpfen entstehen lässt (oder noch nicht verschwundenen Hass wieder aufleben lässt)? Welcher Umfang von Parteinahme ist angemessen?

Herzliche Grüße,

Heinz-Jürgen